Es ist kurz nach sechs, die Luft am Rufiji ist noch kühl, und dein Guide fährt nicht zu den Seen, sondern biegt in einen Waldweg ab. Gestern Abend hat ein anderer Fahrer hier etwas gesehen. Unter einer Palme liegt ein Haufen aus Flecken, schwarz, braun, gelb und weiß, und erst als sich ein Kopf mit zwei riesigen runden Ohren hebt, verstehst du, dass es Hunde sind. Sechs, sieben, vielleicht mehr. Das sind die Wildhundrudel im Nyerere, und für viele, die schon oft auf Safari waren, sind sie der eigentliche Grund, in den Süden Tansanias zu fahren.
Der Nyerere-Nationalpark und das Selous-Wildreservat daneben waren bis 2019 ein einziges Schutzgebiet. Zusammen gelten sie als eines der wichtigsten Rückzugsgebiete der stark gefährdeten Art in Afrika. Wie viele Hunde hier leben, weiß niemand genau. Kamerafallen haben von 2020 bis 2022 auf 4.674 Quadratkilometern 222 Tiere einzeln erkannt, 47 davon in den drei Zählgebieten im Nationalpark und 175 im Reservat. Es war die erste Zählung seit den 1990er Jahren, als hier die erste große Studie über Wildhunde überhaupt entstand.
Ein Rudel findest du selten durch Zufall. Wildhunde jagen in der Morgen- und Abenddämmerung, laufen dabei weite Strecken und liegen in der Mittagshitze so tief im Schatten, dass du an ihnen vorbeifährst. Berechenbar werden sie nur in der Wurfzeit: Ab Juni bleibt ein Rudel an seinem Bau, weil dort die Welpen liegen, und zieht nur noch in einem engen Kreis um diese Stelle. Dann steht es manchmal mehrere Morgen hintereinander am selben Ort. Nach zwei bis drei Monaten laufen die Jungen mit, und das Rudel wandert wieder.
Wenn ihr eins findet, bleibt stehen. Wildhunde kümmern sich kaum um Fahrzeuge, und ein dösendes Rudel springt oft ohne Vorwarnung auf, begrüßt sich mit Fiepen und Schnauzenstupsen und rennt los zur Jagd. Versprechen kann dir das niemand. Manche treffen auf ein Rudel von zwanzig Tieren, andere fahren tagelang selbst durch den Park und sehen keinen einzigen Hund.